EINHEIMISCHER FAMILIENBETRIEB SEIT 1994

"Freie Presse" Artikel vom 02.04.2019

Der letzte Abschied: eine Familie und ihr Leben mit dem Tod

Erschienen am 02.04.2019 - Für Sie berichtet Patrick Herrl

Dass Menschen sterben, gehört für Susan und Marcel Uchlier zum Beruf. Bewusst entschied sich das Ehepaar, Jobs und Leben im Westen hinter sich zu lassen und den Bestattungsdienst der Eltern zu übernehmen. Dabei hat die Rückkehr mehrere Gründe.

Marienberg/Zöblitz. Sie werden täglich damit konfrontiert, wovor viele Menschen die meiste Angst haben - dem Tod eines nahestehenden Menschen. Susan und Marcel Uchlier haben ihre Jobs als Zahnarzthelferin und Abteilungsleiter im Einzelhandel aufgegeben, um fortan in Marienberg und Zöblitz als Bestatter zu arbeiten. Und es gehört viel dazu, den Verstorbenen einen gebührenden letzten Abschied zu bereiten. Trotzdem hat das Ehepaar bewusst sein altes Leben hinter sich gelassen. Besser gesagt: Die junge Familie ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt.

Susan Uchlier ist in Marienberg aufgewachsen. Wie viele andere junge Erzgebirger zog es die damals 16-Jährige nach der Schule in den Westen. "Hier gab es für mich keine Arbeit", begründet sie. In München fand sie nicht nur eine Lehrstelle, sondern auch ihren späteren Mann und Vater der zwei gemeinsamen Kinder. München, Bad Tölz, Berlin, Weil am Rhein und schließlich Darmstadt - aus beruflichen Gründen folgten mehrere Wohnortwechsel. Richtig heimisch wurde das junge Paar aber nirgends. "Es hat etwas gefehlt: die vertraute Familie. Das Umfeld ohne Großeltern für die Kinder passte nicht", erklärt die 36-Jährige. Sie und ihr Mann, der aus Weißwasser stammt, pendelten so oft es ging an Wochenenden ins Erzgebirge, bis sie den Entschluss fassten, in die Heimat zurückzuziehen.

Susan Uchliers Rückkehr hatte neben familiären aber auch berufliche Gründe. Ihre Eltern Renate und Klaus Gottschalk sprachen sich dafür aus, dass das Paar im gleichnamigen Familienbetrieb einsteigt. "Eines war uns klar: Wenn wir das machen, machen wir es richtig", sagt Marcel Uchlier. Der 37-Jährige und seine Ehefrau ließen sich zu geprüften Bestattern ausbilden. Für ihn folgte sogar die umfassendere Ausbildung zum Bestattermeister. Anfang 2019 hat Susan Uchlier die Geschäfte des Bestattungsdienstes Gottschalk übernommen. "Meine Eltern und ihre Erfahrung bleiben dem Unternehmen aber erhalten", sagt die Tochter. Sie ist stolz darauf, den Familienbetrieb fortführen zu dürfen. Und die Eltern sind froh, ihr Unternehmen in vertraute Hände zu geben und nun das Aufwachsen ihrer Enkel miterleben zu können.

Rückkehrer stehen im Erzgebirge generell hoch im Kurs, bestätigt Arbeitsagentur-Chef Nino Sciretta: "Sie stehen mit beiden Beinen im Berufsleben und sind daher unverzichtbar für den regionalen Arbeitsmarkt. Wer den Schritt zurück in die Heimat wagt, findet hier gute Voraussetzungen." Dass das Einkommen längst nicht mehr allein den Ausschlag gibt, steht für ihn ebenfalls fest: "Vielmehr sind attraktive Lebenshaltungskosten, eine stabiles, soziales Umfeld und gute Kinderbetreuungs- und Bildungsmöglichkeiten ausschlaggebend."

Das galt auch für Susan und Marcel Uchlier, als sie entschieden, 2014 nach Sachsen zurückzukehren. Bereut haben sie diesen Schritt nicht. Und auch ihr neuer Alltag als Bestatter ist für sie weniger Beruf und mehr Berufung. Feingefühl im Umgang mit Kunden war ihnen bereits in ihren alten Jobs wichtig. "Doch jetzt bekommen wir viel mehr zurück. Der Dank der Angehörigen gibt uns Kraft", sagt die 36-Jährige. "Bestattungen sind immer emotional. Unsere Aufgabe ist es dabei, ein Stück notwendige Sachlichkeit zu beachten."

Empathie mit den Angehörigen - an jedem Wochentag zu jeder Uhrzeit - stehe dabei an erster Stelle. Der Bestattungsdienst übernimmt zudem viele Dienstleistungen und die Vorsorge, erledigt Schriftkram und Behördengänge und klärt auf, welche Gesetze zu beachten und Fristen einzuhalten sind. "Wir sind aber auch da, Ängste zu nehmen, mögliche Wege zu beschreiben und manchmal sogar Streitigkeiten zu schlichten", nennt der 37-Jährige weitere Aufgaben. Marcel Uchlier agiert darüber hinaus auch als Trauerredner. Hier lässt er die Verstorbenen ein letztes mal "zu Wort" kommen und erzählt von Begebenheiten und Erlebnissen ihres Lebens.

Dabei bietet das Unternehmen nicht nur die klassische Bestattung in einem Sarg an. "Urnenbestattungen nehmen in Deutschland weiter zu. Gründe sind meist die Kosten für Beerdigung und Grabpflege", erklärt Marcel Uchlier. Gemeinschaftsanlagen, Seebestattung sowie Wald- oder Baumbestattung werden ebenfalls angeboten. "Es gilt: Umso ländlicher und christlicher die Region, umso traditioneller wird von Verstorbenen Abschied genommen."

Ein Stück Geschichte vor dem Abriss bewahrt

Renate und Klaus Gottschalk gründeten 1994 das gleichnamige Bestattungsunternehmen. Bereits zwei Jahre später gelingt es dem Ehepaar, ein Stück Geschichte zu bewahren. Die Gottschalks kaufen das vom Abriss bedrohte ehemalige Marienberger "Leichenwagenhäusel" oberhalb vom Friedhof. Nach der Sanierung und dem Ausbau von Beratungs- und Ausstellungsräumen wird dort der Firmensitz eingerichtet.

Im Sommer 2014 tritt Tochter Susan mit Ehemann Marcel Uchlier in den Familienbetrieb ein. Es erfolgt der Aus- und Umbau des ehemaligen Geschäfts- und Wohnhauses in Zöblitz. 2015 eröffnet die barrierefreie Zweigstelle am Markt, bietet Trauergästen weitere Beratungs- und Ausstellungsräume sowie einen eigenen Abschiedsraum.

Das Familienunternehmen feiert 2019 25-jähriges Bestehen. Zum 1. Januar übernimmt Susan Uchlier die Geschäfte ihrer Eltern. Diese bleiben dem Betrieb erhalten. (rickh)